Weder Hype noch Abwehr: KI gestalten, statt sie geschehen zu lassen

Die Schweizer Bevölkerung wünscht sich keine KI-Zukunft, und trotzdem nutzt sie fast durchwegs KI. Beides ist belegt, und beides stammt aus demselben Spätsommer. Der Zukunftskompass von Monda Futura und gfs.bern zeigt, dass viele Menschen eine Zukunft mit mehr Natur und Regionalität, aber ohne omnipräsente KI bevorzugen. Gemäss dem IGEM-Digimonitor 2026 hat sich die mindestens gelegentliche KI-Nutzung seit 2024 von 40 auf 80 Prozent verdoppelt, fast ein Drittel der Bevölkerung nutzt KI täglich.

Man kann darin einen Widerspruch oder eine Heuchelei sehen. Näher liegt der Schluss, dass die falsche Frage gestellt wird. Ob KI eine gute oder eine schlechte Entwicklung ist, lässt sich nicht beantworten, denn Technologie ist zunächst einmal Technologie. Was sie wird, hängt davon ab, wie sie eingesetzt und gestaltet wird und wo Grenzen gezogen werden. Diese Diskussion hat in der Schweiz erst begonnen.

Zwei Studien, zwei Fragen

Die beiden Studien widersprechen sich nicht, weil sie Verschiedenes messen. Monda Futura erfasst Wünsche für die Zukunft, der Digimonitor die Gegenwart. Zu einer Zukunft mit KI fehlt den meisten schlicht die Vorstellung, wie sie aussehen soll. Wer wenig Erfahrung mit der Technologie hat und zugleich hört, KI könne die Welt übernehmen und müsse jetzt unbedingt reguliert werden, wird skeptisch. Die Ablehnung ist eine Momentaufnahme, kein stabiles Urteil.

Hinzu kommt die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, die sich gut erklären lässt. Schon vor KI war der technologische Wandel extrem schnell. Ständige Erreichbarkeit stresst, aus der E-Mail am Abend wird ein verschobener Feierabend, und über die Medien steht die ganze Welt vor der Haustür, vor allem mit ihren schlechten Nachrichten. Vieles geschieht, ohne dass es sich beeinflussen lässt. Bei KI verstärkt sich dieses Gefühl der Fremdbestimmung, denn heute bestimmen wenige Unternehmen und Grossmächte, wohin die Entwicklung geht. Dass da eine einfachere Vergangenheit attraktiv erscheint, ist verständlich.

Zwei Einschränkungen zur Nutzung gehören dazu. «Nutzung» heisst oft, dass KI für einzelne Aufgaben eingesetzt wird, weniger intensiv und reflektiert als bei Power-Usern. Und Umfragen erreichen Menschen, die KI gar nicht verwenden, tendenziell schlechter insbesondere technikferne und oft ältere Personen. Die Diskrepanz zwischen den beiden Studien erklärt das allerdings nicht, sie liegt für mich in den unterschiedlichen Fragen.

Am Arbeitsplatz: Entlastung oder Beschleunigung?

Unternehmen prägen stark, wie KI wahrgenommen wird. Wenn der Arbeitgeber KI einführt, wird sie genutzt, auch von Menschen, die sie privat nicht anfassen würden. An den Universitäten ist es nicht anders: Studierende verwenden KI flächendeckend, dem ausweichen lässt sich kaum noch.

Hier liegt ein Zielkonflikt. Unternehmen wollen Effizienz, also dass eine Person mit KI schafft, was früher zwei erledigt haben. Entlastet wird dadurch niemand: Die verbleibende Person ist mindestens so gestresst wie zuvor, und die zweite Stelle fällt weg. Wer in derselben Zeit plötzlich mehr leisten soll, gerät in eine Spirale, in der alles immer schneller gehen muss. Die Angst vieler Beschäftigter, sich mit KI selbst wegzurationalisieren, ist deshalb berechtigt, auch wenn offen ist, ob die Rechnung langfristig aufgeht. Einige Unternehmen rudern bereits zurück, weil KI auch viel Mittelmässiges produziert und Prozesse dadurch ineffizienter werden.

Langfristig noch problematischer ist die Frage der Ausbildung. Wenn weniger Junior-Softwareentwickler eingestellt werden, weil KI deren Aufgaben übernimmt, gibt es später keine Senior-Softwareentwickler. Am Ende soll bei den meisten Dingen aber ein Mensch das letzte Wort haben, und dafür braucht es Expertise, die zuerst aufgebaut werden muss. Die heutige Generation hat sie noch ohne KI erworben. Wie das für die nächste funktionieren soll, ist ungeklärt.

Die Interessen von Bevölkerung und Unternehmen sind deshalb weniger gegensätzlich, als es scheint. Auch Unternehmen brauchen Mitarbeitende, die gesund und motiviert bleiben, und eine funktionierende Gesellschaft braucht Stabilität ebenso wie Produktivität. Momentan richtet sich bei KI der Blick fast nur auf Letzteres. Nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch gewollt. Wird die Entscheidung allein profitorientierten Unternehmen überlassen, wird realisiert, was möglich ist. Es braucht deshalb Impulse von der Konsumentenseite und teilweise auch Regulierung.

Die Schweizer Politik: klare Grenzen, verpasste Chancen

Positiv ist, dass generative KI in der Schweizer Verwaltung nicht entscheiden darf. Alles, was der Staat gegenüber Bürgerinnen und Bürgern tut, muss direkt vom Gesetz abgeleitet sein, ohne interpretativen Zwischenschritt ausser dem der Menschen, die es umsetzen. Als internes Hilfsmittel für Dokumente ist KI zulässig, entscheiden muss die zuständige Person.

Heikler ist die politische Praxis. Inhalte aus Parlamentssitzungen auf ein kommerzielles Chatbot-Angebot hochzuladen, ist keine gute Idee. Offizielle Weisungen existieren zwar aber die Praxis weicht wohl häufiger davon ab. Es ist gerade bei neuen Technologien wichtig, dass alle Nutzer für Risiken sensibilisiert werden, vor allem auch Politikerinnen und Politiker.

Eine Chance wurde bisher verpasst: die einer eigenen Gesetzgebung. Die Schweiz übernimmt die KI-Konvention des Europarats und plant vieles sektoriell im Kleinen zu regeln. Mit einer eigenen Vorlage hätte sie frühzeitig ein Signal setzen können, dass sie eine Vision hat, die ihre Grundwerte widerspiegelt. Alles hätte das nicht regeln müssen, aber es hätte gezeigt, dass bei uns im Umgang mit KI bestimmte Prinzipien gelten.

Vorschläge für konkrete Leitbilder gibt es, z.B., die Diplo Foundation hat mit der «Swiss AI Trinity» einen eingängigen Vorschlag gemacht: Zürich als Innovationshub mit Unternehmen, Start-ups, ETH und Universität, Genf für die internationale Zusammenarbeit und der Föderalismus als Möglichkeit, vieles von unten und im Kleinen auszuprobieren. Eine so volksnahe Entwicklung wäre in den meisten anderen Ländern kaum möglich. Stattdessen geben bisher die Unternehmen die Richtung vor. Kaum jemand fragt, wie und wofür die 80 Prozent KI tatsächlich nutzen, und die Angestellten werden selten gefragt, ob sie die KI-Transformation ihres Unternehmens wollen.

Die Politik muss nicht zwingend eine Richtung festlegen, aber sie sollte das Thema zur Priorität machen. Schon ein klareres Leitprinzip oder eine sichtbare Strategie würden helfen. Nötig ist, die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen und den Unternehmen Rahmenbedingungen zu geben, die Unsicherheit abbauen. Diese Unsicherheit hat für mich auch viel damit zu tun, dass KI gleichzeitig massiv über- und unterschätzt wird: In manchen Bereichen ist sie mächtiger, als man denkt, in anderen werden ihr Fähigkeiten zugeschrieben, die kaum erreichbar und oft nicht einmal erstrebenswert sind.

Wie geht es weiter?

Bisher sind die Auswirkungen von KI auf politische Prozesse in der Schweiz gering, und dank der strikten Regeln in der Verwaltung ist das Land relativ resilient. Ein Risiko liegt in KI als Informationsquelle, für Politikerinnen und Politiker wie für Stimmberechtigte. Vergleicht man KI-Antworten mit dem Abstimmungsbüchlein oder der Berichterstattung der grossen Medienhäuser, zeigen sich andere Nuancen, und die Gefahr von Desinformation besteht. Gemäss Befragungen schauen aber weiterhin die meisten bei Abstimmungen weiterhin ins Abstimmungsbüchlein. Solange die Entscheidungsgrundlage für alle dieselbe bleibt, ist das kein akutes Problem. Beobachtet werden sollte es trotzdem.

Weder eine Welt, in der KI alles übernimmt, noch pauschale Ablehnung ist erstrebenswert. Ein produktiver Weg könnte näher liegen, als man meint: KI gezielt dort einsetzen, wo sie nachweislich gut funktioniert, und laufend prüfen, ob das noch stimmt, statt sie überall einzusetzen, nur weil es möglich ist. Das schlimmste Szenario wäre, alles wie wild an KI zu delegieren, die dann vieles schlecht oder nicht so macht, wie es gewollt ist.

Wie schwer solche Entwicklungen umkehrbar sind, zeigt die Debatte über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Zuvor gab es viele Gelegenheiten, mit Nachjustieren in ein anderes Szenario zu laufen. Nun werden drastische Schritte diskutiert, von denen unklar ist, ob sie noch helfen. Bei KI bleibt noch Zeit, herauszufinden, was eigentlich gewollt ist, denn die Technologie wird gerade erst entwickelt.

Dazu braucht es alle. Die Politik ist inzwischen aufgewacht, weil die Abhängigkeit von Ländern sichtbar wurde, die mit KI stark nationale Interessen verfolgen. Die Gesellschaft sollte sich aktiver fragen, wofür sie KI wirklich braucht, auch angesichts des Strom- und Wasserbedarfs neuer Rechenzentren. Und die Unternehmen tragen Verantwortung, nicht nur auf kurzfristige Profite durch KI zu hoffen. Gerade bei den ganz grossen KI-Anbietern ist der Business Case, der die Entwicklungskosten langfristig deckt, noch nicht belegt, was dem Ganzen etwas von einem Kartenhaus gibt.

Die Schweiz sollte deshalb, wahrscheinlich zusammen mit der EU, gezielt Lösungen entwickeln, die unabhängiger machen. Gemeint sind Alternativen, die vielleicht etwas weniger gut, aber gut genug sind und auf den eigenen Werten beruhen. Dann passiert KI einer Gesellschaft nicht einfach, sondern wir können die Richtung der Entwicklungen aktiv mitbestimmen. Wenn gesagt werden kann «Das wollen wir, da hilft uns KI» ist das auch wichtig für das Vertrauen in die Technologie.

Eine Welt, in der KI viele Aufgaben übernimmt, ist dabei kein Schreckbild, sofern dadurch Zeit für das bleibt, was einem wichtiger ist. Voraussetzung ist, dass auf sie Verlass ist und sie genau das tut, was wir wollen.

Dieser Beitrag beruht auf einem Interview mit Tobias Seefeld, das am 21. Oktober 2026 in der Netzwoche erschienen ist.